Aufbau eines Streuobst-Wirtschaftshofes zur Wiederinwertsetzung eines wichtigen Kulturbiotops in einer ersten Phase.
Im Rahmen der Landschaftsplanung der VG Lindenberg/Eichsfeld wurden ca. 110 Hektar Streuobstwiesen erfaßt, die durch §18 ThürNatG unter besonderen Biotopschutz gestellt sind. Die parzellengenaue Untersuchung zeigt:
Heute werden noch höchstens 20% aller Obstbäume auf Streuobstflächen im Bereich der VG Lindenberg/Eichsfeld nachhaltig genutzt. Auf 70 bis 80% aller Flächen erfahren die Bäume keinerlei Pflege mehr, Nachpflanzungen unterbleiben, in vergangenen Jahren gepflanzte Jungbäume befinden sich im Überlebenskampf. Fast die Hälfte aller Bäume sind in der Altersphase, häufig vorzeitig, wegen fehlender Schnittmaßnahmen. So werden aus Streuobstanlagen nach und nach reine Grünflächen, teilweise mit Einzelbäumen.
Auf ca. 20% aller Flächen findet nicht einmal mehr Grünlandbewirtschaftung statt. Diese Bereiche wandeln sich über Verbuschung in Vorwaldstadien.
Der festgestellte Zustand gilt über die VG hinaus für weite Teile der Region Eichsfeld. Die Streuobstflächen, auf denen auch nur ein Teil ihrer Bewirtschaftung unterbleibt, verlieren in den nächsten Jahren ihren charakteristischen Zustand und gehen verloren!
Der Verlust der Streuobstanlagen wird für die Region weitreichende Folgen haben:
1. Wegfall eines landschaftsprägenden Kulturelements
2. Vernichtung eines wichtigen Lebensraums im Sinne des Naturschutzes (§18 Biotop)
3. Verlust bodenständiger, naturgesunder Obstsorten, die heute nicht mehr im weitgehend vereinheitlichten Sortiment der Baumschulen zu finden sind
4. Verlust genetischer Recourcen (Einschränkung der Biodiversifikation) durch Totalverlust von Lokalsorten
5. Verlust der wichtigsten Einkommensgrundlage der noch vorhandenen Lohnmosterein
6. (Nennungen nicht abschließend)
Die Landschaftsplanung begleitende Untersuchungen in den Jahren 2000 und 2001 stellten als Hauptgrund für die unterbleibende Pflege der Hochstamm-Obstplantagen fest, daß ihre Besitzer keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr erkennen können. Die Preise für das erzeugte Obst sind nicht mehr auskömmlich.
Folge dieser Entwicklung ist der Verlust des Wissens und der Fähigkeiten zur fachgerechten Pflege bei der Erbengeneration. Dies bestätigen jüngste Gespräche mit etwa 80 Streuobstwiesenbesitzern der Region, die von der Streuobst- und Landschaftspflegegemeinschaft Lindenberg geführt wurden.
Ziele und erwartete Effekte des Projektes
Die Streuobstflächen sind als landschaftsprägende Kulturelemente im Eichsfeld und Rückzugsgebiete für Pflanzen und Tiere zu erhalten. Nachhaltig ist diese Landnutzungsform nur durch Wiederinwertsetzung ihrer naturschonenden Bewirtschaftung zu sichern. Außerdem soll das Potenzial der Streuobstwiesen für Erholung und Tourismus, für Erhalt und Sichtung der Obstsorten sowie für die Umweltbildung nutzbar gemacht werden.
Spezielle Ziele:
Der geplante Streuobst-Wirtschaftshof soll als landwirtschaftlicher Geschäftsbetrieb der am 9. Juli 2003 gegründeteten Streuobst- und Landschaftspflegegemeinschaft Lindenberg tätig werden. Als solcher dient er der Erreichung der ideellen Ziele des Vereins(im vorliegenden ausführlichen Konzept vom 16.6.2003 wird der Streuobst-Wirtschaftshof als Landschaftspflegehof bezeichnet).
Der Wirtschaftshof soll die Bewirtschaftung von Streuobstflächen übernehmen, die von ihren Besitzern nicht mehr unterhalten werden. Hierzu kann der Verein als Träger Pachtverträge oder längerfristige Bewirtschaftungsvereinbarungen schließen. Im Wirtschaftshof werden die Beschäftigten zu Fachkräften in der Landschaftspflege mit dem Schwerpunkt der Streuobstpflege weitergebildet. Langfristig sollen so Dauerarbeitsplätze im Wirtschaftshof entstehen (jeweils 1 AN auf ca. 12 ha bewirtschafteter Streuobstfläche).
Der Streuobstwirtschaftshof soll nach Beendigung der Maßnahme als Modellbetrieb weitergeführt werden. Von ihm sollen Impulse zum Erhalt und zur Neuanlage von Streuobstflächen in der Region ausgehen. Außerdem soll beispielhaft gezeigt werden, wie auch heute unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten Streuobstbau durchgeführt werden kann. Die ökonomische Basis bilden die Erträge aus dem Verkauf des Obstes zu auskömmlichen Preisen bzw. die Vermarktung von Streuobstprodukten nach dem sogenannten Aufpreismodell (vgl. Ausführliche Begründung und Konzept der Streuobst- und Landschaftspflegegemeinschaft Lindenberg vom 16.6.2003), sowie eine allgemein übliche Agrarförderung (z.B.KULAP). Weitere Einnahmen sollen durch Schnitt- und Pflegeseminare und durch das Angebot von Praxismöglichkeiten in der Umweltbildung erzielt werden.
Untrennbar sind die Aktivitäten des Streuobstwirtschaftshofes verbunden mit den Bemühungen des Trägervereins um die Verbesserung der Verarbeitungsbedingungen für Wirtschaftsobst (z.B. Kapazitätserhöhung in bestehenden eichsfelder Mostereien), um Initiierung neuer Verarbeitungsbetriebe im Haupt- und Nebenerwerb (z.B. Eichsfelder Dörrobst) und die Einführung eines Aufpreismodells (s.o.) für Eichsfelder Streuobstprodukte (Präferenzstrategie: nicht der Preis, sondern die Qualität ist entscheidend – Geschmack, regionale Herkunft, nachprüfbare Wege von Erzeugung bis zum Verbraucher und als Zusatznutzen ein Beitrag zum Erhalt von Natur und Landschaft des Eichsfeldes. Der Aufbau eines modellhaften Streuobst-Pflegehofes, der an die speziellen Gegebenheiten der Region angepaßt ist und entwickelt werden soll zu einem wirtschaftlich arbeitenden Betrieb, ist die eigentliche Innovation im Wirken der Streuobst- und Landschaftspflegegemeinschaft Lindenberg. Hierdurch ergibt sich die Chance zur Verbindung der Landschaftspflege mit dem Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten, zum Nutzen des Erhalts eines wichtigen Kulturbiotops im Sinne des §18 ThürNatG.
Der Streuobst-Wirtschaftshof soll Streuobstflächen bewirtschaften, die er durch Pacht oder auf Basis langfristiger Nutzungsvereinbarungen erhält. Erste Vorverträge hat der Verein schon abgeschlossen (ca. 8 ha). Zur Bewirtschaftung gehören die Entbuschung, die Ernte, die fachgerechte Baumpflege und das Nachpflanzen von Hochstämmen,. Wo keine extensive Beweidung der Grünflächen gewährleistet werden kann, muss der Wirtschaftshof auch mindestens eine Mahd mit Abtransport und Verwertung des Mähgutes durchführen.
Projektphase 1:
In der Projektphase 1- 1. Wirtschaftsjahr 2003 fallen hiervon folgende Arbeiten an:
Ø Erntearbeiten (Äpfel)
Ø Entbuschung
Ø Baumschnitt
Ø Evtl. erste Nachpflanzungen
Dafür sind zunächst erforderlich die Kleingeräteausstattungen für 4 Arbeitkräfte(AK) (Schere, Obstbaum-Handsäge) und 2 Verrichtungsgruppen (Kettensäge, Stangensäge, Astkneifer, Leitern, Eimer, Rodespaten usw.). Großgeräte wie Mäher, Schlepper, Anhänger usw. werden im 1. Jahr noch von Mitgliedern zur Verfügung gestellt.
Arbeitskräfte können in der Projektphase 1 und im Folgejahr 2004 nur aus Mitteln für AB-Maßnahmen finanziert werden. Ab 2005 sollen mit wachsender Wirtschaftsfläche Festeinstellungen erfolgen (1AK pro 12 ha Streuobstfläche). Alle Arbeitnehmer erhalten fachliche Anleitung und Weiterbildung in Theorie und Praxis des Baumschnittes und der Landschaftspflege.
Noch in diesem Jahr wird eine Beerntung der Apfelbäume auf den vertraglich gesicherten Flächen von den AK des geplanten Pflegehofes sowie Mitgliedern des Vereins und im Rahmen von Projekttagen gemeinsam mit der GS Teistungen durchgeführt. Die zu erwartende Erntemenge von ca. 15 t Äpfel wird in einer ersten Lohnpressung zu Eichsfelder Streuobst-Apfelsaft, naturtüb gesondert verarbeitet und mit einem eigenen Etikett versehen, das über Qualität, regionale Herkunft und den Nutzen für die eichsfelder Streuobstwiesen informiert.
Die gewonnene Saftmenge wird vom Wirtschaftshof der Streuobst- und Landschaftspflegegemeinschaft Lindenberg eigenverantwortlich vermarktet. Hierbei soll die Einführung des Aufpreismodells getestet werden. Geplant ist eine mehrjährige Test- und Einführungsphase in Verantwortung des Wirtschaftshofes bzw. der Streuobst- und Landschaftspflegegemeinschaft Lindenberg . Dies wird auch von den befragten Mostereien des Eichsfeldes gefordert!
Der Umfang der Angaben der geplanten Aktivitäten ist nur in Bezug zur Projektphase 1 – 1. Wirtschaftsjahr 2003, zu sehen. Für die Folgejahre 2004 und 2005 erfolgt vereinbarungsgemäß ein gesonderter Antrag
Einordnung des Projektes in die Handlungsfelder der Region
Das Projekt ist im Handlungsfeld Landschafts- und Naturraum eingeordnet.
Konkrete Erfolge / Produkte des Projektes
Ein wichtiger Aspekt des Erhalts der Streuobstwiesen ist der Erhalt und die Sichtung bodenständiger Obstsorten für das Eichsfeld. Dies hat direkten Bezug zu den Aufgaben und Zielen der Baumschule im Walsetal von U. Läsker-Bauer und dem Projekt Regionalgarten Eichsfeld. In einer Zusammenarbeit besteht die Chance der Entwicklung eines naturgesunden, d.h. den gegebenen regionalen Boden- und Klimaverhältnissen und dem Schädlingsdruck angepaßten regionalen Obstbaumsortiments.
Möglichkeiten der Zusammenarbeit ergeben sich bei der Recherche, der Dokumentation, der Reisergewinnung, zur Vermehrung, dem Sortenerhalt durch Nachpflanzung und der Öffentlichkeitsarbeit.
Regionalität der Streuobstprodukte ist im Rahmen der geplanten Maßnahme Programm und Qualitätsmerkmal zugleich. Eine Einbindung in die regionale Vermarktungsinitiative Erzeugerbörse Eichsfeld wird angestrebt, zusammen mit der Verwendung des Herkunftszeichens „EICHSFELD – Aus der Region – für die Region“.
Alte Streuobstanlagen bieten ausgezeichnete Praxismöglichkeiten in der Umweltbildung. Gerade weil Streuobstwiesen Rückzugsraum für Tiere und Pflanzen ganz unterschiedlicher natürlicher Lebensräume sind, können hier Zusammenhänge am Objekt erlebt werden. Außerdem bieten Streuobstwiesen mit ihrer Obstarten und –sortenvielfalt gerade unseren Kindern Erfahrungsräume, die durch unser Konsumverhalten stark eingeschränkt sind.
Durch den Erhalt alter Streuobstbestände und die Zusammenarbeit mit regionalen Umweltbildungseinrichtungen wie dem Naturerlebniszentrum auf Gut Herbigshagen und der Umweltakademie Nordthüringen (die Nennungen sind nicht abschließend), kann die Streuobstgemeinschaft die Umweltbildung in der Region wirkungsvoll unterstützen
Weitere Berührungspunkte ergeben sich mit folgenden Initiativen und Projekten:
Ø Bundesfachausschuss Streuobst in NABU
Ø Netzwerk ökologischer Landbaubetriebe e.V.
Ø LEZ Gut Beinrode
Ø Pomologenverein